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Crowdsourcing - Segen oder Fluch für Kreative?

Veröffentlicht von am in Crowdsourcing allgemein
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Würde ich mit Joachim Zischke, Autor und Berater aus dem pfälzischen Deidesheim, über Wein diskutieren, gäbe es wohl keine Differenzen. Beim Thema Crowdsourcing gibt es die schon. Umso interessanter, dass wir uns ausgerechnet bei einem Crowdsourcingprojekt zum Thema Wein kennengelernt haben...

Ganz unterschiedliche Hintergründe - aber die gleiche Sprache in der Diskussion: Das hat uns ziemlich schnell drauf gebracht, zum Thema Crowdsourcing die Klingen zu kreuzen. Und das hat sich gelohnt: Mit jeder Runde direkter und heftiger, ohne dabei je polemisch zu werden, kommt die Diskussion am Schluss zu einem überraschenden Fazit.

JZ: Frank, du bist Gründer von "omanet", eine Internet-Plattform aus der Schweiz, die das Crowdsourcing als neuen Typus des Arbeitens unter dem Motto "Gemeinsam Ideen entwickeln" propagiert und praktiziert.

Crowdsourcing verstehe ich so: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen macht sich auf den Weg, eine Lösung für ein gestelltes Problem zu finden. Mit der Aufgabe verbunden ist meist als Anreiz eine Belohnung in Form einer Sachprämie, seltener ein kleiner Geldbetrag, die der Auftraggeber auslobt. Einem von einer Jury ermittelten Gewinner wird dann die Prämie zugesprochen. Alle anderen Teilnehmer, die Nicht-Gewinner, gehen leer aus, obwohl auch sie ihre Arbeitskraft, ihre Zeit, vielleicht auch einen Materialaufwand, in das Projekt eingebracht haben.

Ich frage provokant: Stellt Crowdsourcing eine neue Erwerbsgrundlage für Kreativschaffende dar, ein Ausbeutungsspiel mit am Ende vielen Nullen?


FW: Deine Definition von Crowdsourcing trifft die Sache - inklusive ihrer Vor- und Nachteile. Ganz klar: Unternehmen profitieren überdurchschnittlich von der bunten Durchmischung der Teilnehmer und dem breiten Spektrum an Ergebnissen, Entwürfen und Lösungen. Aber auch die andere Seite profitiert: Ohne große Akquisitionsbemühungen öffnen Unternehmen die Türen für Lösungen von außen - gerade im kreativen Bereich ist Crowdsourcing ein großangelegter Beauty Contest, aus dem intensive Geschäftsbeziehungen entstehen können.

Du sprichst auch die Kehrseite an: Crowdsourcing ist heute noch nicht wirklich gerecht - Auftraggeber und Plattformen sitzen an den längeren Hebeln. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass sich das Konzept weltweit nur verhalten entwickelt. Hier muss die Branche noch deutlich nachlegen, um gute und nutzbringende Arbeit angemessen zu entschädigen. Der Schlüssel zum Erfolg im Crowdsourcing werden also überzeugende Ansätze zur Entschädigung sein.

JZ: Deine Antwort erinnert mich ein wenig an das auch mit einem anglistischen Begriff versehene "Coworking". Auch hier wurde vor nicht allzu langer Zeit eine völlig neue Arbeitswelt angepriesen, mit nahezu ähnlichen idealen Akquisitions- und hervorragenden Geschäftsbedingungen. Doch es funktioniert nur dann, wenn alles zusammenpasst: die Leute, die Fähigkeiten, die Aufträge, die Zeit, der Ort, das Coworking Space, usw. Heute, nachdem die ersten Coworking Spaces schon wieder dicht machen mussten, ist Ernüchterung auf beiden Seiten eingekehrt. Das Coworking hat sich für viele Coworker wieder zum Soloworking zurückentwickelt.

Ich sehe Crowdsourcing als einen für Kreativschaffende ökonomisch dauerhaft defekten Automaten: Ich stecke immer oben mehr hinein, als ich jemals unten herausbekommen kann. Man müsste jeden Kreativen davor warnen, sich auf das Crowdsourcing einzulassen. Nicht weil das Verfahren "noch nicht wirklich gerecht" ist, wie du vermutest. Ich denke, das System ist bewusst so angelegt. Wie siehst du das?

FW: Nein, ich glaube nicht, dass Crowdsourcing ein defekter Automat ist, der Kreative systematisch benachteiligt. Eher ist es ein ganz neuer, der noch nicht wirklich eingespielt ist.

Im Moment besteht die Szene aus ein paar Plattformen, die ausloten, ob und wie das Konzept überhaupt funktioniert. Von einer Handvoll Ausnahmen abgesehen, verdient noch keine Plattform damit Geld (anders übrigens als beim Crowdfunding). Aber: Sobald sich der Ansatz verbreitet, entsteht ein Wettbewerb um gute Mitglieder, die laufend und engagiert hohe Qualität liefern. Plattformbetreiber leben von solchen Usern und wissen, dass diese Qualität ihren Preis hat. Zahlen sie ihn nicht, wandern die guten User - Kreative, Denker, Ideengeber - zur nächsten Plattform ab.

Dass solchen Usern die Crowdsourcingplattformen zudem als kostenlose Vertriebs- und Werbekanäle mit oftmals riesigen Reichweiten zur Verfügung stehen, kommt als willkommener Nebeneffekt dazu. Für Kreativschaffende liegen darin Riesenchancen - je schneller sie genutzt werden, desto höher die Chancen zu profitieren.

Den Rat zur Zurückhaltung kann ich also nicht wirklich unterstützen.

Aber du hast recht: Dort wo derzeit bescheidene Qualität zu hohem Preis verkauft wird, schafft ein offener und transparenter Markt Probleme. Hier wird der eine oder andere über die Bücher gehen müssen. Sei mir nicht böse, wenn ich das nicht wirklich schlimm finde.

Zweiter Teil: Nach Abstecken der Positionen geht's zur Sache...

JZ: Oh, ich schätze Idealismus sehr, solange er praktikabel und umsetzbar ist. Ich denke, du betrachtest die Sache aktuell etwas zu sehr vom Standpunkt einer Crowdsourcing-Plattform, was ich natürlich verstehe. Wir haben jedoch drei Figuren im Spiel: einen Problemgeber (meist ein Unternehmen), dann eine bündelnde und vermittelnde Internetplattform (das bist du) und schließlich einen Problemlöser (der Kreativschaffende, das bin ich).

Widmen wir uns vielleicht für einen Moment der Idealsituation - sofern es sie überhaupt gibt -, um herauszufinden, ob Crowdsourcing für alle genannten Figuren tatsächlich eine Chance bedeuten könnte. Versuchen wir dabei, in die jeweiligen Rollen zu schlüpfen.

Ich greife auf mein real existierendes Crowdsourcing-Lieblingsbeispiel zurück: Ein Hersteller von Outdoor-Jacken möchte den ultimativen Reißverschluss-Ersatz finden. Wie könnte, deiner Meinung nach, ein faires Vergütungsmodell aussehen? Welche Interessen-Verteilung und -Gewichtung ergäbe sich daraus? Wie hoch wäre der antizipierte Zufriedenheitswert aller Beteiligten?

FW: Sind wir ehrlich: Das interessanteste Modell für alle Parteien - den Problemgeber, den Problemlöser und die Plattform - ist eine Beteiligung am Erfolg der Idee. Was das bedeuten kann, weiß beispielsweise David Choe, der 2005 die Wände der ersten Facebook-Büros künstlerisch gestaltete und als Lohn zwischen ein paar tausend Dollar und Facebook-Aktien im selben Wert wählen konnte. Er nahm die Aktien - und malt heute nur noch, wenn er wirklich Lust dazu hat.

Das Problem dabei ist die Umsetzung: Wie stellt man den Erfolg deiner Reißverschluss-Idee fest? Verkaufen sich die Jacken wegen des neuen Verschlusssystems so gut, wegen des Designs oder wegen einer aggressiven Werbekampagne? Spart der neue Verschluss auch Produktionskosten? Wenn ja, in welcher Höhe?

Nicht ganz einfach zu ermitteln. Unser Ansatz bei "omanet" ist deshalb, Ideen in Projektteams bis zur Marktreife weiterzuentwickeln. Am Ende steht die Gründung einer Genossenschaft, an der alle Projektmitarbeiter beteiligt werden. In deinem Beispiel würde die Genossenschaft die laufende Vermarktung des neuen Reißverschlusses übernehmen, beispielsweise über einen Lizenzvertrag mit dem Outdoor-Hersteller.

Um nicht für jede Idee eine eigene Gesellschaft gründen zu müssen, kann die Verwertung auch von einer Dachgesellschaft der Plattform übernommen werden. Der Ideengeber erhält an dieser Gesellschaft dann entsprechende Anteile.

So stelle ich mir eine faire Lösung vor, die mir auch in der Rolle des Problemlösers Spaß machen würde. Der Weg dorthin ist noch ein bisschen steinig - aber wir gehen ihn.

JZ: Deine Antworten betreffen leider nicht meine Fragen. Dass alle unsere Figuren am Erfolg einer Idee beteiligt sein wollen - geschenkt. Doch wie könnte eine faire Interessen-Gewichtung der einzelnen Figuren aussehen, mit dem alle zufrieden sein würden? Um in meinem Beispiel zu bleiben: Der Jacken-Hersteller würde wohl eher nicht einem anderen Unternehmen die Vermarktung überlassen, er wird sicherlich selbst das Geld verdienen wollen. Noch hat nicht der Altruismus den Ökonomismus ersetzt.

Was mich, in der Figur des Problemlösers, brennend interessiert ist, was ich greifbar nach Hause nehmen kann, nachdem der Wettbewerb entschieden wurde, ganz gleich ob ich als Gewinner, Zweiter oder Dritter feststehe. Es nützt mir nämlich recht wenig, wenn ich eine Erfolgszusage oder ein Bündel Genossenschaftsanteile in Händen halte, die ich vermutlich erst in ein paar Jahren zu einem völlig unbekannten Kurs nutzbringend einsetzen kann, morgen aber meine Miete bezahlen muss. Und was, wenn ich gar nicht an einer Genossenschaft beteiligt sein will, sondern lieber Bares sehe? - Übrigens: Das erwähnte Facecbook-Beispiel greift hier nicht. Oder handelte es sich wirklich um einen Crowdsourcing-Wände-Malwettbewerb? (lacht)

Ich will von deinem Ansatz ausgehend Crowdsourcing etwas überzeichnet wie folgt beschreiben: Crowdsourcing ist etwas für Leute, die über ein festes Einkommen verfügen, folglich das Crowdsourcing als netten Zeitvertreib, spannende Herausforderung und eine angenehme zusätzliche Einnahme betrachten, falls es zu einem Happyend kommen sollte. Oder habe ich da etwas völlig falsch verstanden?

FW: Lass mich mal versuchen, die Sache mit meiner Struktur-Brille etwas zu ordnen - damit wir wissen, über was wir inzwischen schon gesprochen haben und was wir dazu meinen:

Die Kernfrage - bisher noch nicht explizit gestellt und doch laufend präsent: Was ist dieses Crowdsourcing eigentlich genau? Ist es wirklich so neu und andersartig - oder aber alter Wein in neuen (und äußerst performanten) Schläuchen? Eher letzteres: Aufwändige Pitching-Contests verschiedener Anbieter sind bei großen Auftragsvergaben schon seit Jahrzehnten gang und gäbe: Werbeagenturen draften ganze Kampagnen, Marktforscher designen komplette Studien, Architekten planen und modellieren ganze Gebäude, Bänker modellieren und berechnen detaillierte Portfolios. Zum Zug kommt jeweils nur einer, die andern gehen - völlig unbeachtet - wieder nach Hause (genau ein solcher Beauty-Contest ist vermutlich auch der Auswahl des besagten Facebook-Malers vorausgegangen ...). Eine gute Crowdsourcingplattform macht nichts anderes, sorgt aber dabei für Bühne, Zuschauer und Aufmerksamkeit. Das kommt den Kreativen zu Gute, die etwas zu bieten haben. Allen anderen - da gebe ich dir recht - definitiv nicht. Macht mich auch nicht wirklich traurig.

Zweite Frage: Entschädigung des Problemlösers eines Crowdsourcing-Projekts. Die bestehenden Lösungen sind definitiv noch nicht ausgegoren. Aber klar ist: Die Prämie ist nur der kleinere Teil des Kuchens. Entweder überwiegt der Schaufenster-Effekt, mittels dem der Kreative gezielte Werbung ohne Cash Out platzieren kann. Oder - und dabei bleibe ich - es muss eine echte Erfolgsbeteiligung her. Das zahlt mir heute keine Rechnungen, morgen aber vielleicht ein paar Tankfüllungen für meine Yacht. Der Kreative muss wissen, welche Karte er spielen will - und auf die entsprechende Plattform setzen.

Das führt direkt zum dritten Punkt - deiner jüngsten Frage, ob ein Kreativer tatsächlich vom Crowdsourcing leben kann. Ja, das ist möglich: Bereits leben erste Problemlöser der Plattform Innocentive von ihren erhaltenen Prämien, die pro Aufgabe eine Million Dollar oder mehr betragen können. In Europa stehen vor allem sozialstaatliche Einrichtungen wie Vorsorge-, Arbeitslosen und Sozialkassen der ungehinderten Verbreitung dieser Arbeitsform im Weg. Wir wollen hoffen, dass es nicht eines Tages auch die Berufsverbände der Kreativen sein werden.

Dritter Teil: Die falschen Schlüsse oder eine nicht aufzuhaltende Flutwelle?

JZ: Gut gebrüllt, Löwe. Bleiben wir doch realistisch. Kannst du in die Safran Zunft zu Basel gehen, dir ein Vier-Gang-Menü servieren lassen und dann entscheiden, ob du bezahlen willst? Genauso aber soll Crowdsourcing funktionieren.

Es sind aus meiner Sicht gleich mehrere Trugschlüsse, die in deiner Antwort zutage treten.

Erster Trugschluss: Eine Million. Die erwähnte Million Dollar dürfen wir wie eine zu gewinnende Million im Lotto einordnen: als absolute Seltenheit. Derartig hohe Prämien werden nur für Aufgaben gezahlt, die in einem hochspezialisierten Fachgebiet angesiedelt sind, beispielsweise in den Naturwissenschaften, und für Aufgaben, welche selbst die Problemgeber nach vielen Versuchen nicht lösen konnten. Die breite Masse, und dazu zähle ich die Kreativschaffenden, über die wir hier ja reden, muss sich mit einem Tausendstel davon, eher mit noch weitaus weniger begnügen. Der Grund: Die Problemgeber sind schlicht nicht bereit, Leistung adäquat (= anständig) zu honorieren. Sie betreiben ein rigoroses Preisdumping, sie bestimmen, was eine Leistung wert ist. Ich sehe keine Anzeichen, dass sich das ändern sollte. Warum auch? Solang sich im weltweiten Neuen Prekariat (Matthias Horx) genügend Menschen finden, die in den Ring steigen, um ihr vermeintliches Glück zu versuchen, lassen die davon profitierenden Unternehmen das Spiel gerne so weiterlaufen.

Zweiter Trugschluss: Aufmerksamkeit. Die propagierte Aufmerksamkeit, der Schaufenster-Effekt, ist eine Seifenblase. Aufmerksamkeit findet lediglich im Rahmen der Plattform-Präsentation statt, führt gerade nicht zu regulären, vernünftig bezahlten Aufträgen. Unternehmen, die Forschung und Entwicklung, auch Design oder IT, im großen Stil (Procter & Gamble) an das kostengünstige Crowdsourcing ausgelagert haben, sind nicht an den Menschen interessiert, sie wollen diese nicht für ihr Unternehmen gewinnen. Sie sind an kostengünstigsten Arbeitern interessiert, um aus ihnen maximalen Profit zu ziehen. Sie wollen Menschen, die außerhalb gesetzlicher oder tariflicher Regelungen und unter Aufgabe sozialer Normen auf Spekulationsbasis und selbstausbeuterisch ihre Lebenszeit verkaufen.

Dritter Trugschluss: Erwerbsgrundlage. Von Crowdsourcing kann ernsthaft niemand leben. Die angebotenen Prämien decken in den seltensten Fällen die realistischen Kosten. Es ist eine einfache Rechnung, die jeder für sich aufstellen kann. Er muss nur die folgenden Fragen im Kontext seiner Leistungen beantworten: Wie viele Wettbewerbe darf ich verlieren, damit die Erträge groß genug bleiben, um mein Leben zu sichern? Wie viel Arbeitszeit und Material darf ich in einen Wettbewerb stecken, damit das Risiko eines Verlusts noch tragbar ist? Und: Kann ich aufgrund von Spekulationen eine Karriere aufbauen oder gar eine Familie ernähren?

Der Kreativschaffende kann sich nicht die Karten aussuchen, die er spielen will; die Karten werden ihm nach dem Prinzip "Friss, Vogel, oder stirb" zugeteilt, und wann und um was er spielen darf, bestimmen andere: nämlich der Problemgeber und die Plattform.

Eine ganz andere Frage beschäftigt mich: Wie empfindest du Crowdsourcing aus  ethischer und moralischer Sicht?

FW: Die Frage nach Ethik und Moral des Crowdsourcing ist eine ganz entscheidende, deren Beantwortung nicht kontroverser ausfallen könnte: Crowdsourcer sehen im Wegfallen hinderlicher Marktbarrieren die ganz große Freiheit und ungeahnte Möglichkeiten für alle Beteiligten; Skeptiker befürchten eine asymmetrische Marktmacht zugunsten der Unternehmen und eine damit verbundene zügellose und nicht regulierte Ausbeutung der Arbeitskräfte - ein Rückfall hinter die Errungenschaften des modernen Industriezeitalters. 

Unschön dabei: Beide Lager bewerten munter, ohne die Sache genau angeschaut zu haben. Sie werden normativ, ohne vorher objektiv gewesen zu sein. Und "objektiv" heißt in der Wirtschaft nun mal: ökonomisch. Es lohnt sich schon, die Frage zu stellen: Was passiert da gerade genau mit dem Arbeitsmarkt - und welche Rolle nimmt das Crowdsourcing dabei ein? Wieso taucht es gerade jetzt auf - und ist es Ursache oder Folge? Die Beantwortung dieser Fragen ist essentiell - und dürfte en passant den einen oder anderen vermeintlichen Trugschluss in Wohlgefallen auflösen. 

Erste Feststellung: Der Arbeitsmarkt scheint sich zu derzeit zu spalten - in ein Segment von geistig und kreativ Arbeitenden einerseits, die weitgehend losgelöst von Raum, Zeit, Organisation und Infrastruktur ihre intellektuelle Leistung weltweit verkaufen. Und in Präsenzarbeiter andererseits, die in weiterhin relativ engen räumlichen und zeitlichen Strukturen Arbeiten verrichten, die derzeit noch nicht vollständig automatisiert werden können. Es ist nicht zu erwarten, dass beide Segmente künftig nach gleichen Arbeitsmodellen funktionieren - und da sich diese Diskussion auf die Kreativen konzentriert, fokussieren wir uns auf das erste Segment. 

Zweite Feststellung: Die Transaktionskosten des Informationsaustausches in diesem Segment sind so stark gesunken, dass sie die Existenz starrer organisatorischer Einheiten mit ihren Hierarchien und Infrastrukturen nicht mehr rechtfertigen. Was heißt das? Die Leute haben heute alles zuhause verfügbar, was sie zum Arbeiten brauchen. Die Folge: Erste Unternehmen richten bereits deutlich weniger Arbeitsplätze ein, als sie Mitarbeiter haben - Präsenz im Unternehmenssitz wird zur Ausnahme. Und die Entlohnung findet nicht nach Anwesenheit, sondern ausschließlich nach Ergebnissen statt. Wenn nun also fix verpreiste Arbeitspakete des Unternehmens bei mir hereinkommen, ist es nur eine Frage der Zeit (und der Flexibilität der Regulatorien), ab wann ich mir als Kreativer mehrere statt nur einen Auftraggeber leiste. Und dann sind wir, als Folge technologischer und gesellschaftlicher Umwälzungen, mitten in der Welt des Crowdsourcing. Das kommt, ohne dass es jemals herbeigeführt wurde. 

Dritte Feststellung: Die Mechanismen der Preisfindung und der Auftragsvergabe werden auch in der neuen Welt nach den Grundsätzen des Marktes funktionieren. Denn: Es ändert sich nicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, sondern lediglich der Transaktionsmechanismus. Wieso sollten Topdesigner plötzlich ihre Arbeit zu Dumpingpreisen anbieten oder sie in irgendwelche Contests mit ungewissem Ausgang stecken? Sie werden's nicht tun - solange, bis die Preise auf ein marktgerechtes Niveau anziehen. Allerdings: Es zählen Leistung und nicht formale Kriterien, und deshalb wird der Markt durchlässig für Amateure. Dumm für alle, die unter professionellem Deckmäntelchen bisher gerade mal mäßige Amateurarbeit geliefert haben. Von denen wird man in Zukunft einiges hören: Sie schreien am lautesten und beschweren sich über die ungerechte neue Welt. 

So, und damit sind wir bei Moral und Ethik: Crowdsourcing macht die Welt nicht besser, sondern kompetitiver. Das ist gut für die Guten und schlecht für die Schlechten. Die Verteilung von einzelnen Arbeitspaketen vom Endnutzer an den Erzeuger ausschließlich nach Qualitätskriterien wird eine radikale Unterscheidung in dauerhaft erfolgreiche und dauerhaft erfolglose Kreative bewirken. Keine Agentur, kein Werbeunternehmen, keine Marketingabteilung steht mehr dazwischen und gleicht Ungleichheiten aus. Meritokratie pur. So wird der Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts aussehen. Das ist nicht sozial - aber ziemlich effizient. Und was effizient ist, breitet sich aus wie eine Flutwelle. 

Ist das gerecht? Nur ein bisschen, denn: Nicht jeder bringt die gleichen Voraussetzungen mit, gut zu sein. Und nicht gut sein heißt, keine Aufträge zu bekommen. Der Kuchen bleibt gleich groß (die systematische Ausbeutung der Kreativen bleibt also aus ...), aber er wird anders - adamsmithiger - verteilt. Wie damals ist das nicht sozial, und wie damals braucht es ausgleichende Mechanismen. 

Die werden wir nur finden, wenn wir uns proaktiv mit der neuen Arbeitswelt beschäftigen, mit den Herausforderungen auseinandersetzen und die verschiedenen Player im Markt in die Pflicht nehmen. Nur so kann das, was wir als einen gerechten Markt beurteilen, in einer neuen Welt wieder hergestellt werden. 

Aber wer weiß: Vielleicht lässt sich die Flutwelle ja durch kollektives Dagegen-Sein doch noch aufhalten. Auch das wäre eine Strategie.

Vierter Teil: Maschinismus und Weinen im BMW

JZ: In einer Welt, wie du sie beschreibst, möchte ich nicht leben und nicht arbeiten. In dieser neuen Arbeitswelt lebt der Maschinismus.  Der Mensch ist auf seine Leistungsfähigkeit und Effizienz reduziert. Er ist nur noch ein Kostenfaktor, der möglichst niedrig zu halten ist. Er ist ein Arbeitswerkzeug, das beliebig ein- und ausgeschaltet, auch ausgetauscht werden kann. Wartung und Reparaturen sind Sache des Maschinisten. Doch der Mensch ist keine Maschine. Er ist ein soziales Wesen, mit Ecken und Kanten, mit unterschiedlichen Fähigkeiten, mit Leistungshöhen und Leistungstiefen, mit biologischen Unzulänglichkeiten. Durch das rigorose Anwenden von Theorien der Herren Darwin, Smith und Schumpeter ist das Soziale ausgemerzt, eben weil es Kosten verursacht.

Zu sagen, diese neue Arbeitswelt des Crowdsourcing bedeute "die ganz große Freiheit", halte ich für blanken Zynismus. Diese Welt ist mitnichten ein Eldorado für Kreativschaffende, die einfach nur ihre Angel in einen riesigen Auftragsteich halten müssen, um die dicken fetten "fix verpreisten Arbeitspakete" ins Boot zu ziehen. Diese neue Welt mutiert zu einem Hauen-und-Stechen-Land, in dem sich jeder selbst der Nächste ist. Du funktionierst nicht, wie erwartet? Dann fliegst du eben raus, verkappter Amateur! Pech gehabt, allein deine Schuld. Hättest dich mehr ins Zeug legen müssen. Wer wirklich will, der schafft das auch! -

Wohin gehen wir in unserem Dialog von hier? Macht es wirklich Sinn, über "ein kollektives Dagegensein" nachzudenken, Ideen für einen gerechten Markt zu entwickeln? Ich bin mir da nicht so sicher.

FW: Ich glaube nicht, dass wir Grund zum Pessimismus haben: Effizienteres Arbeiten - und nichts anderes ist es, was ein paar Visionäre in der neuen Arbeitswelt sehen - bedeutet, dass am Schluss mehr übrig bleibt. Dieses "Mehr" kommt irgendjemandem zugute - und in einer sozial aufgestellten Ordnung sind das beispielsweise die, denen die Möglichkeit zur Leistungsfähigkeit fehlt. So funktioniert der Sozialstaat seit einigen Jahrzehnten, und das ist gut so - das sage ich als "Linksmittiger" mit großer Überzeugung. Wenn also die Möglichkeit zu Effizienzsteigerungen besteht, sollten wir sie nutzen - und dann die erwirtschaftete Mehrleistung sinnvoll verteilen. 

In einer Talkshow sagte kürzlich eine junge Frau, dass sie lieber in einem BMW weine als auf einem Fahrrad glücklich zu sein. Die junge Frau war Chinesin - und damit Teil einer rund 1,35 Milliarden Menschen großen Community von Menschen, die für ihr materielles Vorankommen so ziemlich alles tun. 1,2 Milliarden Inderinnen und Indern geht es ähnlich. Die Leistungsbereitschaft in einigen Teilen der Welt ist erstaunlich, bewundernswert und - sind wir ehrlich - manchmal auch beängstigend. 

Was tun WIR also dafür, dass die Menschheit auch morgen noch in einem BMW, Mercedes, Audi oder Porsche und nicht in einem SsangYong oder Tata weinen oder lachen will?! 

Entweder arbeiten auch wir wieder rund um die Uhr - oder wir sind einfach besser und leistungsfähiger als die anderen. Und das schaffen wir nur, wenn wir effizienter werden. Das heißt: neue technologische Möglichkeiten rasch in unsere Arbeitsstrukturen integrieren. 

Crowdsourcing, Open Innovation, Co-Creation sind nur Beispiele dafür. Noch haben wir den finanziellen Spielraum, diese Ansätze zu testen, zu entwickeln und umzusetzen. Das sollten wir auch tun - und gleichzeitig unsere sozialen Errungenschaften verteidigen. Und dann gibt's auch in der Zukunft eine richtig schöne, spannende Arbeitswelt!

Fünfter Teil: Fazit - kalte Zeiten und Liebeskummer

JZ: Weinte die Frau in ihrem BMW aus Freude oder wegen Erschöpfung? -

Bevor wir auf eine politische Startbahn abbiegen und uns in eine gänzlich andere Diskussionswelt begeben, sollten wir wohl besser ein Fazit aus unserer jeweiligen Sicht zusammenstellen. Ich behalte, wie unschwer zu erwarten, die Position eines Skeptikers bei.

Ich beobachte im Crowdsourcing durchaus Chancen für eine Vielzahl von Kreativschaffenden, das vor allem aufgrund der fantastischen technischen Möglichkeiten des Zusammenarbeitens, Stichwörter Coworking, Co-Creation etc.

Wer Moral und Ethik in der Wirtschaft für anachronistisch hält, die Effizienz zur alleinigen ökonomischen Grundlage erklärt, die Märkte - wer immer sich hinter diesem Begriff verbergen mag - zum Nonplusultra der vita activa stilisiert, redet einer Wirtschaftswelt das Wort, die über kurz oder lang das Kreative im Menschen strangulieren und ihn seiner angemessenen Lebensgrundlagen berauben wird.

Die Crux im Crowdsourcing sehe ich vor allem in den bereits als etabliert anzusehenden Vergütungsmodi: das Erbringen von Leistungen ohne konkreten Auftrag bzw. ohne eine realistisch einzuschätzende Aussicht auf Entlohnung. Der Wettbewerb im heutigen Crowdsourcing, gerne als die grenzenlose Freiheit der Kreativen propagiert, sorgt à la longue für das rigorose Absenken der Preisniveaus für kreative Leistungen auf breiter Front. Die Differenz zwischen Existenzgrundlage und dem, was der Markt bereit ist zu zahlen, soll der Staat übernehmen - solange er es noch vermag und willens ist.

Es ist nicht abzusehen, und schon gar nicht zu erwarten, dass eine aufgrund von Effizienzsteigerungen zu erwirtschaftende Mehrleistung sinnvoll auf die Arbeitenden verteilt werden wird. Die Unternehmen werden das im Namen des globalisierten Wettbewerbs nicht zulassen, ihr Interesse liegt eben woanders. Die Regierungen werden eine soziale Komponente nicht durchsetzen können, weil sie sich das Heft des Handelns in Wirklichkeit schon vor Jahren aus den Händen nehmen ließen.

Mein heutiges Fazit lautet daher: Wir gehen keinen euphorischen, freiheitlichen, sondern kalten, harten und engen Zeiten entgegen. Nicht nur, aber auch wegen Crowdsourcing.

FW: Mein Fazit mag etwas überraschend sein: Ich bin kein Befürworter von Crowdsourcing.

Allerdings auch kein Gegner. Ich sehe lediglich, dass sich - vollkommen ungeachtet unserer Meinung dazu - die Welt verändert. Und mit ihr viele Dinge, die wir lieber beim Alten gelassen hätten. Das Stärkere verdrängt das Starke, das Bessere das Gute und das Effizientere das Effiziente - das war und ist die Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Keine Ahnung, wie die aktuellen Veränderungen zu beurteilen oder zu bewerten sind - ich weiss nur, dass es noch nie ein erfolgreiches Mittel gegen Veränderungen war, sich an ihnen zu stören. Wir sollten auf sie vorbereitet sein, sie überleben - und sie möglichst aktiv mitgestalten.

Sind wir ehrlich: Wir haben die Industrialisierung gemeistert und darauf das sozialste Zeitalter der Menschheitsgeschichte gebaut. Wir werden doch auch das Web 2.0 in den Griff kriegen, oder nicht?!

Und wenn uns auch das gelingt, werden die Zeiten definitiv nicht so kalt, hart und eng, wie man das befürchten könnte.

Etwas Versöhnliches zum Schluss?

Die Frau im BMW weinte aus Liebeskummer. Und neben Liebeskummer und Liebesglück sind Banalitäten wie Crowdsourcing, Co-Creation und die Effizienz der Märkte höchstens zweitrangig. Wenn überhaupt.

Eigentlich sollten wir daran arbeiten: Mehr Liebesglück auf dieser Welt!

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Kommentare

  • frank
    frank Freitag, 11 Oktober 2013

    Bevor wir mit dem nächsten Teil zum Finale kommen zuerst mal die Frage an Euch: Stellt Crowdsourcing für dei Kreativen wirklich eine Bedrohung dar - und wenn ja: ist das gut oder schlecht?!

    Was meint ihr?!

  • Gast
    Thomas Samstag, 12 Oktober 2013

    Haha ihr habt euch ja echt die Finger wundgeschrieben. Wär's nicht ein bisschen kürzer gegangen? Aber sorry, ein Aspekt fehlt völlig. Es gibt soundsoviele Leute, die ihre Grafiken bisher auf Powerpoint oder sonstigen Grafikprogrammen mehr schlecht als recht selber gebastelt haben, weil sie sich professionelle Grafiker nicht leisten können (oder auch nicht leisten wollten). Das Ergebnis war dann meistens entsprechend dürftig. Wenn solche Leute einsehen, dass halbprofessionell immer noch besser ist als unprofessionelles Rumbasteln und für ein paar hundert Franken ein Crowdsourcing starten, dann wird der "Kuchen" von dem ihr schreibt plötzlich wieder grösser.

    Antworten Abbrechen
  • frank
    frank Samstag, 12 Oktober 2013

    hast recht thomas, ist ziemlich lang geworden. noch ein paar bildchen dazu, dann isses ein buch :) und wenn's wirklich mal ein buch werden sollte, dann kommt dein input auch noch rein. hast nämlich recht: ist ein ziemlich wesentlicher aspekt.

    danke dir und gruss, frank

  • Romana
    Romana Dienstag, 26 August 2014

    eBook!

  • frank
    frank Mittwoch, 16 Oktober 2013

    nachtrag: bin beim posten des projektes "neues logo für barbara" in diversen freelancer-foren in einen mittleren shitstorm mit vereinzelten orkanartigen böen geraten. einzelne kreative sind mit der auftragsvergabe per crowdsourcing gar nicht einverstanden.

    wertfreies fazit: das thema bewegt ungemein. die gründe für eine überdurchschnittliche emotionalität dürften weitgehend die in der obigen diskussion beschriebenen sein.

    für joachim und mich erfreulich: wir haben ganz offensichtlich einen nerv getroffen.

  • frank
    frank Montag, 25 November 2013

    in der diskussion wurde das thema der fairen entlöhnung angeschnitten. ich habe meine ziellösung vage umschrieben - bei quirky ist sie schon realität. schaut mal rein: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Der-aufklappbare-Blumentopf/story/24401582

  • Gast
    eMseYc Samstag, 24 Januar 2015

    Mein schöner Beitrag wurde wieder gelöscht?

    Dann alles in einem Satz, wer glaubt Crowdsourcing wäre etwas neues, kennt die Biografie von Herrn Duden nicht, der mit dieser Methode die Rechtschreibung neu aufsetzte.

    Ciao

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Gast
Gast Samstag, 15 Dezember 2018

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